Krebskokumentation 2014, Svenja Beneke, Berlin

Social Awareness: Krebs

Portrait, Special Projects

Meine Freundin Svenja bekam kurz vor ihrem 40. Geburtstag ihre Krebsdiagnose. Vielleicht hatte sie eine Ahnung. Vielleicht auch nicht. Das Leben ist eine unordentliche Angelegenheit. Es kann jederzeit eskalieren und es kann von einem auf den anderen Tag anders sein. Ab einem gewissen Alter weiß man das. Aber, wie die meisten Menschen, ist man davon überzeugt, dass die schrecklichen Dinge einen großen Bogen um einen machen. Besonders der Tod ist etwas für andere und für später. Auf einmal wird dieses später ein sehr dehnbarer Begriff. Von einem Tag auf den anderen muß man sich plötzlich mit der Unmöglichkeit vertraut machen, dass man sterben kann – mitten im Leben.

Bis jetzt war der Preis für das Leben noch nicht hoch. Nun muss sie anfangen abzwägen und aufzurechnen. Die Angst vor dem nächsten Tag weckt die Sehnsucht nach Gestern. Sie ist zu jung für diese Sehnsucht. Viel zu jung. Und ihre Kinder sind zu klein. Viel zu klein. Unser Körper stirbt seit dem Tag seiner Geburt. Jetzt macht er ernst. Es sei denn, sie setzt ihm etwas entgegen. Was kann man gegen seinen Körper tun? Er ist nicht austauschbar. Die Versprechungen unserer Welt suggerieren, dass alles austauschbar ist. Aber der Körper gehört nicht dazu. Man hat nur den einen und niemand verspricht ihr, dass sie einen neuen bekomme, schlösse sie diesen Vertrag ab. Natürlich tut sie es. Sie läßt sich auf Giftcocktails und Strahlen ein. Frägt mich, ob ich ihre Metamorphose festhalte. Von einer Frau, die krank ist und der man das nicht ansieht, zu einer Frau, die gesund werden will und krank aussieht, aber auch stark. Das wird man jedoch erst später sehen.

Wir suchen einen Ort und finden ihn ganz in der Nähe. Ein Ort des Verfalls, an dem bald etwas Neues entstehen soll. Sie macht sich schön, legt ihr luftiges weißes Kleid an. Das weiße Kleid wird zur Leinwand, der Ort Raum des Ausdrucks, sie inszeniert ihre innere Welt. Sie stirbt. Sie stirbt nicht. Es geht ihr schlecht. Sie hat Hoffnung. Das Gift macht aus ihr einen anderen Menschen. Sie atmet dagegen an. Die Strahlen ernähren sich von ihrer Energie und tanzen ihr auf dem Kopf. Sie trennt sich von ihren Haaren und weint dabei, sie lacht dabei. Auf ihrem Körper werden mit Marker die Todeszonen festgehalten. Sie sieht sie jeden Abend im Spiegel – und macht das Licht im Bad aus. Sie lächelt ihre Kinder an und denkt nicht mehr an morgen. Sie kämpft. Sie verzweifelt. Viele Nächte sind schwarz. Sie zählt die Tage.  Es könnten die letzten sein oder der Anfang von ihrem nächsten Leben.